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Nationaler und persönlicher Hintergrund der Rede von Vera Advena |
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Der Hang zum politische Engagement in sozialen Fragen wurde dem 1937 geborenen Lionel Jospin schon in die Wiege gelegt. Sein Vater leitete eine staatliche Schule für schwererziehbare Jugendliche und war politisch aktiv. Seine Mutter arbeitete als Hebamme, Krankenschwester und Fürsorgerin. Mit 23 Jahren trat Jospin der Parti Socialiste Unifié bei. Doch sein parteipolitisches Engagement ruhte, während er die Elitehochschule für Verwaltung ENA (Ecole Nationale d`Administration) besuchte. Deren Abschluss eröffnete ihm die Möglichkeit einer Karriere als hoher Beamter und Diplomat im Außenministerium. Jospin entschloss sich jedoch nach wenigen Jahren, die eingeschlagene Laufbahn auf Grund seiner politischen Einstellung und seiner politischen Werte abzubrechen. Er lehrte daraufhin von 1971 an für elf Jahre als Dozent und später als Professor für Wirtschaft an der Universität Paris XI. In dieser Zeit wurde die Parti Socialiste (Sozialistische Partei, PS) gegründet, der Jospin 1971 beitrat. Er engagierte sich aktiv an der Parteibasis und wurde bald vom Ersten Sekretär Francois Mitterrand gefördert. Als Nationalsekretär war Jospin für Bildungsfragen, später für die Dritte Welt und für Internationale Beziehungen zuständig. 1977 wurde er in Paris zum Stadtratmitglied gewählt. Die 80er Jahre waren für Jospin gekennzeichnet durch den stetigen Aufstieg in der Partei. Als Mitterand zum Präsidenten gewählt wurde, übernahm Jospin die Parteispitze und wurde zum Ersten Sekretär der PS, außerdem zum Abgeordneten im Parlament in Paris und im Europäischen Parlament. Er übernahm 1988 das Amt des Ministers für Erziehung, Jugend und Sport, was für ihn jedoch keineswegs die bedingungslose Treue zu seinem Förderer Mitterand bedeutete. Er rügte vor allem dessen Art sich über Gesetze hinwegzusetzen. Als diesem nach vier Jahren die Kritik zu weit ging, musste Jospin gehen. Ein Jahr später zog er sich vorerst aus der Politik zurück. Erst mit seiner Kandidatur zur Präsidentschaftswahl 1995 tauchte er wieder auf, unterlag jedoch seinem Konkurrenten Jacques Chirac in der Stichwahl. Zwei Jahre später löste Chirac die Nationalversammlung auf. In den vorgezogenen Neuwahlen erhielten die Sozialisten die Regierungsmehrheit im Parlament und Chirac musste den Vorsitzenden der PS Jospin zum Premierminister ernennen. In einem solchen Fall, wenn der Präsident der Republik und die Partei
mit der parlamentarischen Mehrheit verschiedenen politischen Richtungen
angehören, spricht man von einer Kohabitation. Die Franzosen sind
sich einig: Diese Kohabitation habe Frankreich und Jospin geschadet. Sie
hielten die Programme des rechten Präsidenten und des linken Regierungschefs,
die während der letzten fünf Jahre fast im Konsens regierten,
für austauschbar. Das Desinteresse an der Präsidentenwahl lässt
französische Wissenschaftler von einer "Krise des Politischen"
sprechen.
© Vera Advena, letzte Überarbeitung: April 2002. Die Verwendung von Inhalten ist für Ausbildungszwecke und nicht-kommerzielle Zwecke gestattet, vorausgesetzt, die Quelle wird angegeben. |