Nationaler und persönlicher Hintergrund der Rede

von Vera Advena

 

Als der 62-jährige Jurist und Wirtschaftsprofessor aus Norditalien 1999 von Europas Staats- und Regierungschefs zum Präsident der EU-Kommission berufen wurde, waren die Erwartungen an ihn groß. Der traditionell linksorientierte Christdemokrat hatte 1996 als Spitzenkandidat des Mitte-Links-Wahlbündnisses "Ulivo" den Wahlsieg gegen den jetzigen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi geschafft.

In seiner für italienische Verhältnisse langen Regierungszeit von über zwei Jahren hatte er Italien für den Euro qualifiziert. Durch seine rigide Wirtschaftspolitik und seine Fähigkeit, die politischen Kräfte links und rechts zusammenzuführen, bescherte dem Land eine gewisse Stabilisierung der politischen Verhältnisse.

Und dabei kann Prodi nicht gerade auf eine lange politische Laufbahn zurückblicken. In die Reihen der Spitzenpolitik stieg er erst 1995 als Vorsitzender des "Ulivo"- Bündnisses auf. Bis dahin war er als Wirtschaftsprofessor an der Universität Bologna und in der Wirtschaft als Präsident der größten italienischen Staatsholding IRI (Institut für industriellen Wiederaufbau) tätig. Nur kurze Zeit war er Ende der siebziger Jahre Industrieminister unter dem Christdemokraten Giulio Andreotti.

Doch der in Brüssel anfangs so umjubelte "professore" ist mittlerweile stark in die Kritik geraten. Fehlender Führungsstil und fehlendes Profil werden dem Kommissionspräsidenten vorgeworfen. Er habe eine Vorstellung von Europa, eben die einer europäischen Regierung, die gar nicht existiere und er verkenne seine eingeschränkten Kompetenzen, die nicht mit denen eines nationales Regierungschefs zu vergleichen seien.

Die Rhetorik des Italieners gehört zu seinen Schwachpunkten. "Europa à la Prodi - das ist der kommunikative Super-Gau." So beschreibt die Wochenzeitung "Die Zeit" die Reaktion auf seine Reden, die als wenig ausgewogen bezeichnet werden und die durch die Übersetzung jeglichen Glanz verlören.

 

© Vera Advena, letzte Überarbeitung: März 2002. Die Verwendung von Inhalten ist für Ausbildungszwecke und nicht-kommerzielle Zwecke gestattet, vorausgesetzt, die Quelle wird angegeben.